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Lifestyle | 16.03.2019

Wanderbares La Réunion

Es ist nur ein Viertel größer als Innsbruck-Land und doch bietet das französische Übersee-Département La Réunion 1.000 Kilometer östlich von Madagaskar eine Fülle einzigartiger Naturlandschaften.

Als tropische Vulkaninsel bietet La Réunion unvergleichliche Natur- und Wandererlebnisse. Ihre Zugehörigkeit zur „Grand Nation“ macht sie zu einem sicheren, unkomplizierten Reiseziel auf der Südhalbkugel – völlig abgeschieden irgendwo zwischen Afrika, Indien und Australien.

Auf Wegen. Gut acht Stunden sind wir gewandert, um in der Abenddämmerung das Dorf Marla am Osthang des Cirque de Mafate zu erreichen. So wie bei den anderen sechs Ortschaften erfolgt die Anreise in diesen Talkessel, der von extrem steilen, bis zu 1.600 Meter hohen und üppig bewachsenen Felsen umrahmt wird, ausschließlich auf Schusters Rappen. Die drei Cirques auf der französischen Insel La Réunion entstanden erst vor 500.000 Jahren. Damals brach der einstige Vulkan ein und bildete drei Ringkrater, sogenannte Calderas. Während die Nachbar-Cirques Cilaos und Salazie über asphaltierte, aber selbst für Tiroler beängstigend kurvige und enge Gebirgsstraßen erreichbar sind, blieben alle Vorhaben, das extrem exponierte Mafate zu erschließen, erfolglos. Die 800 Einwohner auf den rund 65 Quadratkilometern haben sich damit arrangiert – mehr noch, sie wollen es gar nicht anders. Müllabfuhr und Post erfolgen per Hubschrauber. Wer nicht gut zu Fuß ist, fliegt einmal im Monat auf Staatskosten, um in den modernen Küstenstädten Arztbesuche oder andere Wege zu erledigen. Schulkinder ziehen unter dem Jahr zu Gastfamilien an die Küste.

 

Mitten im Paradies. Um 18 Uhr fällt schlagartig die Dunkelheit ein. Die Wanderer versammeln sich im Speisehäuschen in der Mitte der einfachen Holzhütten. Der Wirt bringt in großen Töpfen verschiedene, heiße Caris, Linsenragout und Reis. Der Eintopf Cari, das Nationalgericht La Réunions, wird traditionell mit Fisch, Huhn oder Schwein serviert. Die Schärfe liefern Rougailles aus Zwiebel, Tomaten und Chili. Die Stimmung unter den bunt zusammengewürfelten Bergtouristen ähnelt jener in einer Schutzhütte hoch in den Alpen. „Wart ihr schon am Piton des Neiges?“, wollen neugierige Schweizer wissen. Sie planen, den „Schneeberg“, mit 3.070 Metern der höchste vormals vulkanische Gipfel La Réunions, übermorgen zu bezwingen. „Ihr müsst unbedingt zur La Chapelle hinuntersteigen“, mischen sich Festlandfranzosen ein und schwärmen von der rund hundert Meter hohen Felsspalte tief im Nachbar-Cirque de Cilaos, wo der Fluss Bras Rouge einen mächtigen Wasserfall hinunterstürzt und zahlreiche Gumpen für ein erfrischendes Gebirgsbachbad formt. Jeder am Tisch weiß von einmaligen Naturformationen, atemberaubenden Lavafelsen oder einsamen Tropenwäldern zu berichten. Mit über 1.000 Kilometern bestens beschilderten und beschriebenen Wegen ist La Réunion ein herrliches Wanderparadies.  

 

Faszination Flora. Uns führt der nächste Tag durch verschiedenste Vegetationsstufen über den 1.956 Meter hohen Col des Bœufs in den Cirque de Salazie. Eindrucksvoll zeigen sich die lichten Tamarindenwälder: Lange, grau-grüne Flechten an den Ästen der niedrigen Bäume und hohes Steppengras erzeugen einen urzeitlichen Eindruck. „Fehlt noch, dass ein Dino um die Ecke biegt“, scherzt Wander-Guide Nico Cyprien. Aber auf La Réunion gibt es keine gefährlichen Tiere, weder Giftschlangen noch Skorpione.

Genuss für den Gaumen. Auf der Passhöhe weht ein kühler Wind, kühler als für eine tropische Insel nahe am Äquator erwartet. „La Réunion verfügt über mehr als 200 Mikroklimata“, erklärt Nico, „ihr erlebt alle 20 Minuten eine neue Welt.“ Tatsächlich präsentiert sich der Talkessel Salazie ganz anders. In weiten Plantagen gedeiht hier der Chou-Chou, eine tropische Kürbisart mit dem Image eines Arme-Leute-Essens. „Völlig zu Unrecht“, schimpft unsere nächste Gastgeberin in Hell-Bourg. In ihrer strikt biologischen Küche zaubert sie aus dem grünen, birnenförmigen Gewächs ein veganes Cari, einen gratinierten Auflauf und eine süße Nachspeise. Nicht minder köstlich schmeckt ihr Entenragout in Vanillesauce – die traditionelle kreolische Festtagsspeise.

Wunder Natur. Im Süden der Insel herrscht der Piton de la Fournaise. Mit gerade 380.000 Jahren auf dem Buckel darf man den Schildvulkan getrost als Baby bezeichnen. Dennoch zählt er zu den tätigsten Vulkanen der Erde. Drei- bis fünfmal im Jahr erfolgen Eruptionen. Dann ergießt sich die dünnflüssige Lava mit bis zu 80 Stundenkilometern in Richtung Südosten und zerstört dabei regelmäßig einen Abschnitt der Inselrundstraße. Doch die Ausbrüche und ihre Wirkung sind vorhersehbar, der Piton de la Fournaise gilt als einer der sichersten und besterforschten Vulkane der Erde. „Der Vulkan furzt“, kommentieren die Bewohner jeden Ausbruch und feiern ein Volksfest. Die kurvenreiche Bergstraße hinauf zur mächtigen Caldera wird dann zu einer endlosen Kolonne Schaulustiger. Aber auch ohne Ausbruch ist der Besuch des 2.630 Meter hohen Vulkans unvergesslich. Hinter einer Kurve verwandeln sich die grünen, frappant an Tirol erinnernden Almflächen schlagartig in eine mystische Mondlandschaft. La Plaine des Sables, eine Wüste aus Sand und Fels, empfängt die Besucher als Vorbotin des Vulkans.