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Lifestyle | 13.04.2021

Alt genug, um glücklich zu sein!

Älter werden ist in unserer Gesellschaft nicht gerade ein Lieblingsthema, denn viele von uns verbinden damit etwas Bedrohliches und Negatives. Doch in Wahrheit ist es die Chance unseres Lebens für Wachstum und Reife. Auch Sonja Schiff steht dem Altern „gnadenlos“ positiv gegenüber. Für die Alternswissenschaftlerin ist das Älterwerden keinesfalls ein Abbau von Körper und Geist, sondern ein spannendes, erfülltes Leben für Fortgeschrittene.

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(c) Rochus Gratzfeld

Sonja Schiff ist diplomierte psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflegerin, Bloggerin und Buchautorin. Sie arbeitete viele Jahre lang in der Altenpflege und war später als Pflegeberaterin und Projektleiterin tätig. Heute gibt sie als Seminarleiterin und Coach zu Alternsfragen ihr Wissen weiter. Wir haben uns mit der gebürtigen Salzburgerin zu einem Gespräch getroffen und uns über das Älterwerden in unserer Gesellschaft, über Pensionsvorbereitung und über ihre persönliche Lebenseinstellung unterhalten.


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(c) Rochus Gratzfeld

Unser look! Salzburg: Frau Schiff, Sie haben das Unternehmen „Care.Consulting“ ins Leben gerufen. Was genau ist Ihr Tätigkeitsbereich?

Sonja Schiff: Im Mittelpunkt der Arbeit von Care.Consulting stehen die Herausforderungen und Chancen der älter werdenden Gesellschaft. Ich sehe mich mit meinem Wissens-Back­ground, meinem beruflichen Werdegang und meiner bunten Lebenserfahrung als Coach für Alternsfragen und stehe auch für alle Bereiche rund um die Bedürfnisse hochbetagter und pflegebedürftiger Menschen zur Verfügung. 
Für Seniorenheime und ambulante Pflegedienste halte ich Fachseminare mit unterschiedlichen Schwerpunkten und berate Familien in Fragen der Pflege zu Hause. Außerdem begleite ich mit Seminaren und Einzel-Coachings Menschen beim Übergang in den Ruhestand und entwickle in Zusammenarbeit mit Unternehmen sowie Expertinnen und Experten auch neue Dienstleistungen rund um das Thema Altern. 


Viele Menschen hadern mit dem Älterwerden. Was ist Ihre Erklärung dafür? Warum ist das so?

Wir sind noch nie so alt geworden wie in unserer heutigen Gesellschaft. Früher wenn die Leute in Pension gegangen sind, hatten sie noch sechs bis sieben Jahre Lebenszeit im Gegensatz zu unserer Lebenserwartung heute. Wenn wir an das Alter denken, haben wir oftmals ein Bild eines kranken, abgearbeiteten und beeinträchtigten Menschen vor Augen. Die Zeitspanne des Älterwerdens hat sich aber total verändert und wurde zu einer langen Lebensphase. Ein heute 60-jähriger Mensch ist körperlich wie auch geistig in einer anderen Verfassung, als es beispielsweise damals seine Großeltern im gleichen Alter waren. In der Alternswissenschaft spricht man hier auch von der Verjüngung des Alters. Grund dafür sind unsere Lebensumstände – wir haben heutzutage eine bessere Ernährung und medizinische Versorgung – um nur zwei Beispiele zu nennen. Viele Menschen haben aber immer noch ein negatives Bild vom Altern und dieses hat meist wenig mit dem tatsächlichen Älterwerden zu tun.

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(c) Rochus Gratzfeld

Ab wann ist man eigentlich alt?
Wir Alternswissenschaftler sagen, dass Altsein ein Konstrukt der Gesellschaft ist. Das bedeutet, dass jeder etwas anderes darunter versteht und dass dies wesentlich von den Rahmenbedingungen abhängt. Für einige Firmen ist man mit 50 Jahren schon zu alt zum Arbeiten. Kindergartenkinder finden beispielsweise 18-jährige Menschen bereits uralt. Ich habe in meiner früheren beruflichen Laufbahn in einem Seniorenheim gearbeitet und eine 100-jährige Dame kennengelernt, die partout nicht in den Gemeinschaftsraum wollte, weil ihr dort die anderen Leute einfach zu alt waren. 
 Aber auch der Pensionseintritt ist eine gesellschaftlich gezogene Altersgrenze. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie mit der Pensionierung aus der Gesellschaft ausgeschieden werden und sie deswegen zu nichts mehr nutze sind, obwohl sie sich eigentlich noch fit und aktiv fühlen. Altern ist Ansichtssache und eine individuelle, eigene Definition. Die Gesellschaft geht hier auch mit Frauen und Männern unterschiedlich um. Man lernt bereits von klein auf, wie wichtig angeblich Äußerlichkeiten wie Straffheit, Schönheit und jugendliches Aussehen sind. Frauen, die sich ihr Leben lang nur über ihr Äußeres definieren, haben oft das Gefühl, sie verlieren im Alter. Sie verlieren an Schönheit und Straffheit. Es kommt eben, wie sooft im Leben, darauf an, wie man sich selber definiert und ob man das Alter als Verlust oder als Gewinn betrachtet.
In vielen Völkern und Kulturen auf der Erde tragen übrigens ältere Menschen eine große Rolle. Sie werden als weise und erfahren angesehen und verehrt. In unserer Gesellschaft fallen ältere Menschen eher aus ihrer Rolle, vor allem, wenn sie aus dem Berufsleben austreten. Es ist tatsächlich entscheidend, welche Bilder wir vom Älterwerden in uns tragen. Ob wir positive Altersvorbilder haben oder negative, das beeinflusst unsere Sichtweise aufs Alter und wie wir mit dem Älterwerden umgehen.


Wie kann man gelassen älter werden?

Wichtig ist zu akzeptieren, dass das Älterwerden ein Teil des Lebens ist. Es gehört einfach dazu. Man kann sich aber an positiven Altersvorbildern orientieren. Es gibt viele ältere Menschen, die selbstständig leben und noch voller Leidenschaft ihren Hobbys nachgehen und bis zum letzten Augenblick das Leben auskosten und neugierig bleiben. Das ist so wertvoll! Es ist jederzeit möglich, Neues zu lernen und etwas zu beginnen. Viele sagen: „Das zahlt sich nicht mehr aus.“ Aber ganz im Gegenteil: Es zahlt sich immer aus! 
Wichtig ist auch zu lernen, wie man mit Unzulänglichkeiten wie schlechter sehen oder hören umgehen kann. Man sollte sich abzuhelfen wissen und sich nicht für seine Schwächen schämen. Es ist wichtig, offen zu sein und aktiv nach Lösungen zu suchen, anstatt in die Opferrolle zu verfallen.

Vom oft hektischen Berufsleben in den Ruhestand – wie gehen die meisten Menschen mit dem Lebenswechsel um? Sollte man sich schon im Arbeitsleben auf die Zeit in der Pension vorbereiten, und wie?
Grundsätzlich sollte man verstehen, dass ein Pensionseintritt immer eine Lebensveränderung ist. Aber nicht alle bekommen einen Pensionsschock. Rund ein Drittel der Menschen kommt gut mit diesem Abschnitt zurecht, ein Drittel strauchelt am Anfang und braucht etwas, um mit der Veränderung klarzukommen, und der Rest tut sich sehr schwer mit der neuen Lebenssituation oder verfällt gar in eine Altersdepression. Jene Menschen haben aber nicht dieses Tief, die auch vor der Pension eine bunte, abwechslungsreiche Freizeit, einen großen Freundeskreis und unterschiedliche Hobbys neben der Arbeit hatten. Das größte Problem haben tatsächlich die, die sich nur über die Arbeit definiert haben. Denn dann bricht mit dem Pensionseintritt ein halbes Leben weg. Hier ist wichtig, dass man sich bereits einige Jahre vor der Pension überlegt, soziale Kontakte außerhalb der Arbeit aufzubauen und neue Projekte oder Hobbys anzufangen. Sonst ist es ein Fall von 100 Prozent in die Leere. 



Was können jüngere Menschen von älteren Menschen lernen?

Jüngere Menschen könnten sehr viel von älteren Menschen lernen. Sie müssen sie aber auch aktiv fragen. Ich finde es nicht gut, wenn Ältere von oben herab predigen, denn jeder muss sein eigenes Leben erfahren. Mich hat der Kontakt zu hochbetagten Menschen sehr geprägt und ich habe sehr viel für mein Leben mitgenommen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass ich dem folgen muss, wofür ich brenne. Ich muss mich und meine Talente leben. Auch wenn das gegen die Weisungen der Eltern oder Lehrerinnen und Lehrer ist. Lebe deine Leben, glaub an dich und mach das, wo du dich entwickeln kannst. Was man sich nicht erfüllt, bereut man später. Ich habe so viele Tränen bei älteren Menschen erlebt, weil sie in ihrem Leben nicht ihren Interessen und ihrer Leidenschaft gefolgt sind. 
Ein weiterer Punkt ist, dass das Leben eine Achterbahn mit Hochs und Tiefs ist und dass Tiefschläge enorm wichtig sind. Denn genau dadurch können wir reifen und wachsen. Alle Schicksalsschläge, scheinen sie noch so schwer, dienen dem größten Wachstum. 
Und eine dritte Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist, dass man im Alter sein Leben erntet. Ich halte wenig davon, wenn alte Menschen über ihre undankbaren Kinder schimpfen, weil sie sie nicht besuchen oder ins Pflegeheim abgeschoben wurden. Vielleicht hat man als Elternteil eine schlechte oder gar keine Beziehung zu den eigenen Kindern aufgebaut? Wo Liebe ist, wird niemand abgeschoben. Pflege hat seine Grenzen und für jede Familie und jedes Kind, das seine Eltern liebt, ist das eine schwere Entscheidung. War ich ein guter, ein offener Mensch? Dann werde ich auch im Alter Freundschaften und Beziehungen haben. Das Alter spiegelt das eigene Leben wider, dessen muss man sich immer bewusst sein. Man sieht das ja auch in Zeiten wie diesen – und das betrifft jetzt nicht nur ältere Menschen: Wenn man vorher schon wenige soziale Kontakte oder 
Hobbys hatte, trifft einen das in der Corona-Pandemie mit dem Social Distancing jetzt noch härter. 



Sie entwickelten das innovative Wohnberatungsprojekt „neues WOHNEN 70plus“. Worum geht es in diesem Projekt?

Das Projekt habe ich zusammen mit der Architektin Ursula Spannberger ins Leben gerufen. Es richtet sich an Menschen der Generation Babyboomer, die ihr Älterwerden bewusst gestalten wollen und darüber nachdenken, ihre Wohnsituation noch einmal anzupassen. Wir bieten Beratung und Workshops an und gehen in Gesprächen auf viele Fragen ein, wie beispielsweise: Möchte ich im Alter alleine wohnen oder zusammen mit anderen? Wie viel Wohnraum brauche ich, um mich wohl zu fühlen? Kann ich mir vorstellen, noch einmal die Wohnung zu wechseln oder möchte ich lieber Bestehendes adaptieren? 
 Wohnen ist ein wesentliches Element unseres Lebens und es geht darum, in einem Zuhause zu sein, das mich nicht belastet, sondern mir dient und mir guttut. Ein qualitätsvolles, selbstbestimmtes Wohnen auch in fortgeschrittenem Alter sowie ein Leben im eigenen Zuhause bis ins hohe Alter lässt sich einfacher gestalten, wenn man sich schon vorher darüber Gedanken macht. 


Haben Sie ein Lebensmotto?

Für mich ist das Leben ein Fluss. Alles fließt. Man kann dagegen anschwimmen oder mitfließen. Und ich habe mich dafür entschieden mitzufließen.