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Lifestyle | 08.10.2021

Die Alten Ähren ehren

Fast wäre der Tauernroggen ausgestorben. Doch Ehre, wem Ehre gebührt - hat die Lungauer Bauernfamilie Rotschopf das Urgetreide wieder zum Leben erweckt.

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(c) Rotschopf

Rosemarie muss sich beeilen. Heute ist das Wetter günstig, um die anstehende Arbeit am Feld zu erledigen. Die Kraft der Sommersonne hat das Saatgut, das bereits im Herbst des Vorjahres ausgesät wurde, reifen lassen. Nun ist Erntezeit. Der Lungauer Tauernroggen wächst hier besonders gut. Die alte Getreidesorte ist anspruchslos, widerstandsfähig und mag das raue Klima. Selbst eine monatelange Schneedecke übersteht es schadlos.
Schon die Schwiegereltern von Rosemarie haben Tauernroggen angebaut. Hört man sich die Geschichte an, weiß man, woher der Samen für das Sprichwort „Körner zählen“ kommt: „Das war ein großer Aufwand. Um eine Zuchtauslese für den Anbau zu bekommen, wurde geschaut, wie viele Ähren aus einem Korn wachsen und wie viele Körner pro Ähre wachsen. Die besten wurden damals wieder hergenommen zum Weiterzüchten“, erzählt Rosemarie Rotschopf. Aus der Erfahrung der Alten können die Jungen heute ernten: „Durch die Erkenntnisse der Eltern haben wir das Urgetreide einfach weiter angebaut. Es ist ein Getreide, das wir stets selber nachbauen. So brauchen wir kein Saatgut zu kaufen“, so Rosemarie. Sie lebt mit ihrer Familie in St. Margarethen auf der Staig, nahe dem Schloss Moosham.

Lieblingslaib der Rotschopfs. Nur noch wenige Landwirt:innen im Lungau nehmen sich der Kultivierung des Tauernroggens an. Die Ernte fällt wesentlich geringer aus als bei den Hybridsorten. Auch der Aufwand ist größer. Trotzdem werden die Rotschopfs nicht müde, ihr Steckenpferd weiter zu pflegen und zu hegen. Rosemarie schaut aufs Feld. Dort ist gerade der Mähdrescher im Einsatz: „Ganz früher wurde der Tauernroggen mit der Hand geschnitten. Dann war der Tauernroggen eine Zeitlang verpönt, weil es unmöglich war, das zwei Meter hohe Getreide, das sich biegt und wendet, mit dem Mähdrescher zu ernten. Die Ähren haben sich ständig um die Maschine gewickelt. Inzwischen gibt es neue Geräte, mit denen es besser funktioniert, aber es braucht einen wirklich guten Fahrer“, lacht die Lungauerin und holt einen Laib Brot hervor: „Das ist unser Lieblingsbrot am Hof. Da sind drei alten Sorten, die wir anbauen, enthalten.“ Neben dem Tauernroggen bauen die Rotschopfs auf ihrem Sagmeisterhof auch Oberkulmer Rot Dinkel, Indigoweizen, Laufener Landweizen und Nackthafer an. „Auf diese Weise können wir die alten Sorten erhalten und eine Vielfalt auf unsere Wiesen und Felder und in die Nahrungsmittel bringen“, erklärt Rosemarie. Was das für die Bäuerin bedeutet? Zuerst am Feld anpacken und dann in der Küche backen. Feinstes Brot und Gebäck nämlich, das mit einem ganz besonderen Geschmack und wertvollen Inhaltsstoffen gesegnet ist.


Neue Mühle fürs alte Getreide. Für die Bäuerin ist es wichtig, das Getreide in den Speiseplan zu integrieren. Was anfangs schwierig gewesen sei, sagt sie, denn ihre kleine Haushaltsmühle brachte ein ziemlich grobes Ergebnis. Fein, dass es damit vorbei ist. „Inzwischen habe ich eine Mühle, mit der das ganze Korn zu feinstem Mehl gemahlen wird. So kann ich für alle Kuchenarten, Palatschinken, Gebäck und vieles mehr mein eigenes Mehl verwenden und alles wird gerne gegessen. Wenn jemand nicht weiß, dass es Vollkorn ist, merkt er es gar nicht“, sagt Rosemarie ein wenig stolz. Auch wenn sie das eine oder andere Mal schief angeschaut wird, weil sie sich die ganze Arbeit antut, geht sie aufrecht ihren Weg und ehrt die alten Ähren auf ihre ganz eigene Weise.