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Lifestyle | 10.03.2021

Die Kraft der Weiblichkeit

Wir haben uns mit der Flachgauerin Renate Fuchs-Haberl, Referentin für Frauenthemen und moderne Matriarchatsforschung getroffen und uns über ihr Wirken als „Wildmohnfrau“, die Kraft der Weiblichkeit und über uralte Bräuche und Frauentraditionen unterhalten.

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(c) Lisa Fuchs

Know your flow: Von Lichtmess und der Tag-und-Nacht-Gleiche des Frühlings über das Maifest, die Sommersonnenwende bis hin zur Sonnenwende rund um die Raunächte durchläuft die Natur verschiedene Wandlungsphasen im Jahreskreis. Das Wissen um diese zyklischen Abläufe der Natur und die Rhythmen der Erde bringt uns die Wunder des Lebens näher: Geburt, Liebe, Wandel, Tod. Ein Kreislauf, der sich in allem widerspiegelt. Auch in uns. Als „Wildmohnfrau“, wie sich Renate Fuchs-Haberl nennt, knüpft sie an das Wissen alter kultureller Wurzeln und an traditionelle Bräuche des Jahreslaufs an und zeigt Frauen, wie sie ihre weibliche Kraft im Einklang mit der Natur neu erden, nähren, stärken und feiern können.

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(c) Renate Fuchs-Haberl

Unser look!Salzburg: Frau Fuchs-Haberl, man kennt Sie auch unter dem geheimnisvoll klingenden Namen „Wildmohnfrau“. Woher kommt der Name und welche Bedeutung hat dieser für Sie?

Renate Fuchs Haberl: Im Zuge meiner Ausbildung zur Referentin moderner Matriarchatsforschung bei Heide Göttner-Abendroth und parallel dazu der Ausbildung zur Leiterin der matriarchalen Jahreskreisfeste ging es unter anderem darum, einen spirituellen Namen zu finden. Ein Prozess, der sich durch den ganzen Lehrgang gezogen hat. Für mich war relativ schnell klar, dass es ein Name rund um die „Wilden Frauen“ sein sollte. Aus den Sagen und Mythen meiner Salzburger Heimat waren die früheren Heilerinnen, Priesterinnen und Hebammen als sogenannte „Wildfrauen“ bekannt. Dieser erdig-spirituellen Frauentradition fühle ich mich verbunden, und so entstand auch für mich die stimmige Bezeichnung „Wildmohnfrau“. Als „Wildmohnfrau“ knüpfe ich an dieses naturverbundene, spirituelle Wissen und Wirken meiner Ahninnen an.



Sie bieten Veranstaltungen und Vorträge rund um die Themen Natur- und Kräuterwissen, alte Frauentraditionen, Brauchtum, Räuchern und vieles mehr an. Woher kommt Ihr Interesse an diesen Themen und warum haben Sie sich dazu entschieden, Ihr Wissen mit anderen Menschen zu teilen?
Die Ausbildung habe ich ursprünglich nur für mich gemacht, aus persönlichem Interesse und dem Interesse am Brauchtum unserer Heimat. Daraus entwickelte sich nach und nach ein natürlicher Prozess und die Leidenschaft, unsere Traditionen und das uralte Frauenwissen unserer Ahnen weiterzugeben. Ich merke, wie groß das Interesse der Teilnehmerinnen ist, und es freut mich zu sehen, wie sich ihr weibliches Bewusstsein erdet und stärkt. Durch die Corona-Pandemie mache ich auch sehr vieles online, und erfreulicherweise nehmen auch auf diesem Wege viele Frauen teil, mittlerweile aus ganz Österreich. Wenn es die Situation wieder zulässt, freue ich mich aber schon wieder auf persönlichen Kontakt mit den Frauen, auf gemeinsame Wanderungen und Kurse. Online werde ich aber trotzdem weiterhin präsent sein, da es eine gute Möglichkeit ist, um sich mit vielen Frauen vernetzen und austauschen zu können.



Was bedeutet für Sie Weiblichkeit und wie kann man seine eigene Weiblichkeit stärken?

Weiblichkeit und Frau-Sein wird oft reduziert auf Äußerlichkeiten und stereotype, klischeehafte Definitionen wie sanft, hingebungsvoll, schwach. Auch Männer haben diese Eigenschaften genauso wie Frauen, die laut und dominant sein können. Diese Zuschreibungen in unseren gesellschaftlichen, patriarchalen Strukturen sollte man hinterfragen und gesellschaftskritisch sein. Wichtig ist, authentisch zu sein, das heißt, so zu sein, wie man ist, und sich nicht so zu verhalten, wie es die Gesellschaft von uns erwartet.
Die eigene Weiblichkeit kann man stärken, indem man sich mit sich selbst auseinandersetzt, auf seine eigenen Bedürfnisse achtet und sich wieder erdet. Denn wie soll ich wachsen und gedeihen, wenn ich nicht verwurzelt bin, verbunden mit der Natur und mit unseren Traditionen? Durch die Verwurzelung mit der Erde kommen wir auch wieder in unseren Flow. Unsere Weiblichkeit wird gestärkt, und wir werden unserer Frauenkraft bewusst. 


Am 8. März ist Weltfrauentag. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach dieser Tag?

Der Weltfrauentag kommt aus dem Feminismus und ist ein wichtiger Tag, um uns an die Rechte der Frauen zu erinnern. Ich erlebe aber immer mehr, dass an diesem Tag politische Veranstaltungen weniger Zulauf haben, sich dafür Konsumangebote bei Frauen immer größerer Beliebtheit erfreuen. Da sind auch wir gefordert, engagierter zu sein und sich bewusst zu werden, welche Bedeutung dieser Tag grundsätzlich hat. Es gibt verschiedene feministische Strömungen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten beschäftigen, da tut sich sicher schon sehr viel. Aber meiner Meinung nach immer noch zu wenig, und es gibt zu wenig Wissen über matriarchale Gesellschaftsformen. 



Was ist der Unterschied zwischen Feminismus und Matriarchatsforschung, mit der Sie sich beschäftigen?
Die Matriarchatsforschung ist eine Gesellschaftsforschung, während sich der Feminismus mit Frauenforschung beziehungsweise mit der Stellung der Frau innerhalb eines patriarchalen Systems beschäftigt. Der Begriff Matriarchat wird in unserer patriarchalen Gesellschaft oftmals bewusst oder unbewusst mit der Zuschreibung der „Frauenherrschaft“ gleichgesetzt. In matriarchalen Gesellschaften gab und gibt es jedoch keine Frauenherrschaft, wie dies im Zuge der modernen Matriarchatsforschung wissenschaftlich belegt wurde. Was mich an der Matriarchatsforschung besonders anspricht, ist, dass auch Spiritualität ein Thema ist. In unserer Gesellschaft gibt es viele unterschiedliche Bewegungen, die sich auf politischer und sozialer Ebene für einen gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Spiritualität bleibt hier aber auf der Strecke. Wir haben im katholischen Glauben den männlichen Gott, in dem die Frau nur die Rolle der Mutter und Dienerin zugeteilt wird. Bibelsprüche wie „Die Frauen sollen unter Schmerzen gebären“ oder die Geschichte, dass die Frau aus der Rippe des Mannes entstanden sei, zeigt, welcher Gehirnwäsche wir in der Religion unterzogen werden.
 Die moderne Matriarchatsforschung beinhaltet eben auch eine Patriarchatskritik, also die kritische Betrachtung der Gesellschaftsform, in der wir heute leben. Ein Patriarchat wird übersetzt als Herrschaft der Väter. Heute müsste man sagen, die Herrschaft einiger weniger Männer und Konzerne. Die eigentliche Bedeutung kommt jedoch vom griechischen Wort „arché“ und heißt Anfang beziehungsweise Ursprung. Das Wort Matriarchat bedeutet so viel wie „am Anfang die Mütter“. In den patriarchalen Kulturen werden Frauen als unrein und schwach bezeichnet, während in matriarchalen Kulturen Frauen als göttlich betrachtet werden, weil es die Frauen sind, die das neue Leben schenken. Eine matriarchalische Spiritualität richtet sich übrigens nicht an einen unsichtbaren Gott, sondern sieht das Göttliche in allem. Matriarchat ist keine Umkehrung des Patriarchats und keine Spaltung zwischen Mann und Frau, sondern eine Gesellschaftsform, in der wir alle gemeinsam ein gutes, friedliches und erfülltes Leben auf unserer Erde führen können.


Im März ist Frühlingsbeginn. Für viele die schönste Zeit des Jahres und Symbol für Neuanfang und Veränderung. Welche Kraft steckt in dieser Jahreszeit und welche Rituale und Bräuche gibt es rund um den Frühling?

Zur Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche öffnet sich die helle Hälfte des Jahres, es ist der astronomische Frühlingsbeginn. Wohin wir auch blicken, allerorts wird das Keimen und Wachsen sichtbar, das aus der Tiefe der Erde kommt. Die Zeit des Ruhens der Vegetation ist zu Ende. Alles, was in der Natur passiert, passiert auch mit uns. Ostara, die germanische Frühlingsgöttin, deren Namen auch als Eostra überliefert ist, hat dem christlichen Osterfest seinen Namen gegeben. Die katholische Kirche hat übrigens viele vorchristliche Mythen, Legenden und Brauchtümer von einstigen matriarchalen Kulturen umgedreht und für sich beansprucht. Durch die Christianisierung haben die meisten unserer heutigen Frühlingsbräuche ihren kalendarischen Bezug zur astronomischen Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche verloren. Bräuche sind zum Beispiel die Ostereier-Suche – die Suche nach dem Keim des Lebens. Palmbuschen als Phallus-Symbol und Grünkraft. Und die farbenfrohen Bänder, die daran gebunden werden, signalisieren die Buntheit des Frühlings. Die Breze als umgedrehte Zahl acht gilt als Unendlichkeitssymbol. In den mächtigen Osterfeuern, wie sie sich vor allem im Salzburger Lungau erhalten haben, wird der aufsteigende Bogen der Sonne in Form von wendeltreppenartigen Holzstößen abgebildet, und durch das Entzünden der Feuer in der Osternacht erfährt die Sonne bei dieser so wichtigen Aufgabe die Begleitung der Menschen auf der Erde, deren Existenz, deren Überleben untrennbar von der Sonne abhängig ist.


Was ist Ihre persönliche Lebensphilosophie?

Alles, was im Leben passiert, hat einen tieferen Sinn, eine Bedeutung und eine Botschaft, von der man lernen kann. Wir sind hier, um Erfahrungen zu machen und um uns zu entwickeln. Außerdem begleitet mich das Motto: „Ich bin keine normale Frau, sondern eine natürliche Frau.“ Das ist der Gradmesser meines Lebens. Normal ist meist, was von anderen vorgegeben ist und der Gesellschaft dient. Und natürlich ist, was mir guttut und mich wachsen lässt.

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(c) Renate Fuchs-Haberl