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Lifestyle | 22.11.2021

Drauß vom Wald komm ich her

Mitten am Salzburger Residenzplatz steht in der Vorweihnachtszeit ein kleines Wäldchen. Unsere Redakteurin Renate Sallaberger hat sich darin verirrt und etwas gefunden, wonach sie nicht suchte.

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(c) Thomas Kirchmaier

„Mondgeschnitten“ steht in weißen Lettern auf dem grünen Schild. Ich bleibe stehen und sehe genauer hin. Mitten am Salzburger Residenzplatz fühle ich mich, als wäre ich in einem winterlichen Wald voller Christbäume gelandet. Genauso duftet es auch, ein Geruch von frischem Tannengrün und Baumharz vermischt sich mit dem Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln von nebenan. „Kann ich helfen?“ Zwei große, lebendige und fröhliche Augen strahlen mich an. Dass der Mann freundlich lächelt, kann ich sogar durch seine Maske erkennen. 



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(c) Thomas Kirchmaier


Kann er helfen? Ich weiß nicht. Einen Christbaum möchte ich hier mitten in der Altstadt eigentlich nicht kaufen. Eigentlich. Dann kommen wir ins Gespräch. Der Herr stellt sich mir als Stephan Kranzinger vor. Bereits in dritter Generation verkauft er mit seiner Familie die Christbäume am Salzburger Christkindlmarkt. Seit 60 Jahren liefern die Kranzingers ihre Bäume aus eigener Anzucht auf den Residenzplatz. „Schon mein Opa hat hier Christbäume verkauft. Zu dieser Zeit war noch der ganze Platz voll mit Bauern, die ein paar Bäume verkauft haben. Damals gab es kaum wo Christbäume und die Leute in der Stadt waren froh, einen Baum zu bekommen“, erzählt Kranzinger. Christbäume gibt es mittlerweile quasi an jeder Straßenecke zu erstehen. Was bringt die Leute dazu, sich auf Christbaumsuche mitten in der Altstadt zu machen? „Wir haben viele treue Kund:innen, die unsere Tradition schätzen, das Ambiente genießen und Wert auf die Qualität eines frischen, regionalen Baumes legen“, antwortet Kranzinger.

Die Baumflüsterer. Beobachtet man Vater und Sohn Kranzinger bei der Beratung, beim Verkauf und beim Verpacken, hat man das Gefühl, als hätten sie eine Beziehung zu ihren Bäumen aufgebaut. Sie sehen die Kund:innen an, hören zu, kommen ins Gespräch, marschieren schnurstracks auf einen Baum zu, holen ihn vor, präsentieren ihn. Die potentiellen Weihnachtsbaumbesitzer:innen begutachten ihn von allen Seiten und nicken zufrieden. Den richtigen und passenden Baum zu finden ist eine feinsinnige Sache. Das Familienteam Kranzinger scheint da ein gutes Gefühl für Baum und Kund:in entwickelt zu haben. Die beiden scheinen zu wissen, welcher Baum zu wem passt. „Wir haben halt mit der Zeit ein gutes Gespür für Menschen entwickelt. Unsere Bäume kennen wir ohnehin“, sagt Kranzinger lachend. Wenn er über seine Bäume spricht, fühlt es sich so an, als würde er von seinen Kindern erzählen. Im zarten Alter von vier Jahren kommen die Setzlinge auf den Hof der Kranzingers, da sind sie circa 15 Zentimeter groß. Rund acht Jahre lang dürfen die Neuankömmlinge dann im Wald heranwachsen, bis der große Tag gekommen ist und sie als stolze Christbäume die Wohnzimmer der Salzburger:innen schmücken dürfen. Dabei bekommen sie viel Zuwendung. Josef Kranzinger, der Altbauer, der sich seit 45 Jahren der Aufzucht von Christbäumen widmet, gewährt uns einen Einblick: „Jeder Baum braucht viel Pflege. Wir beschäftigen uns zwischen fünf und acht Mal im Jahr mit jedem Baum, der bei uns wächst. Das beginnt nach dem Pflanzen mit dem Ausmähen, dann muss der Terminaltrieb vor Verletzungen geschützt werden, der Baum formgeschnitten werden, damit er möglichst gleichmäßig wächst, triebreguliert, damit er schön dicht wird. Ohne diese Arbeit wird der Baum nicht so, wie ihn sich der:die Kund:in erwartet.“ 


Der perfekte Baum. Und was erwarten sich die Kund:innen so? Wie sieht ein perfekter Weihnachtsbaum aus? Und hat sich auch hier pandemiebedingt etwas verändert? „In den letzten Jahren ist der Trend stark in Richtung kleine Bäume gegangen – die man schnell im Vorbeigehen gekauft hat. Im letzten Jahr wurde dann wieder vermehrt der zimmergroße Baum gesucht. Die Leute hatten mehr Zeit und verbrachten diese auch in den eigenen vier Wänden. Der Weihnachtsbaum bekam durch Corona einen höheren Stellenwert“, so Kranzinger. Von den Sorten her sei eigentlich nur mehr die Nordmanntanne relevant. Sie steht auf der Christbaum-Beliebtheitsskala ganz oben. Sie stammt eigentlich aus dem Kaukasus und zeichnet sich durch einen dichten Wuchs und lange, gut haltbare Nadeln aus. „Die paar Blaufichten, die wir noch haben, duften zwar herrlich, werden aber wegen ihrer stacheligen Nadeln von der Nordmanntanne verdrängt“, so Kranzinger. „Daneben bieten wir noch Fichten und Weißtannen an, die ganz natürlich bei uns im Wald wachsen. Das sind die Christbäume, die manche aus ihrer Kindheit kennen und bei uns suchen. Diese Bäume sind aber viel feiner und haben kurze Nadeln. Optisch können sie mit den Nordmanntannen nicht mithalten, außer man sucht etwas Außergewöhnliches oder möchte Kindheitserinnerungen auffrischen.“

Geschichten hören und erleben die Kranzingers viele. Durch den Baum, den sie zu diesem ganz besonderen Fest beisteuern, gehören sie in manchen Häusern schon seit Generationen fast wie zur Familie. „Meine älteste Kundin ist leider vor zwei Jahren verstorben, sie wurde 100 Jahre alt. Bis zu ihrem letzten Weihnachtsfest hat sie sich bei mir einen drei Meter hohen Baum ausgesucht. Sie sagte, solange sie lebt, will sie einen ordentlichen Weihnachtsbaum. Diesen habe ich ihr dann immer in die Wohnung getragen und ihr im Wohnzimmer aufgestellt. Sie hatte eine Riesenfreude damit. Es war für mich jedes Jahr eine Ehre, ihr den Baum zu bringen, und ihr Strahlen in den Augen eine sehr große Wertschätzung meiner Arbeit“, erzählt Stephan Kranzinger mit Stolz und auch ein wenig Trauer in den Augen.



Naturverbunden. Man erkennt in jedem Handgriff, dass er das, was er hier täglich leistet, liebt. Und das sind nicht nur die netten Gespräche mit den Kund:innen, das ist auch schwerste körperliche Arbeit. Die teilweise 3,5 Meter hohen Bäume tragen, am richtigen Ort platzieren, in Netze einwickeln, zwischenlagern. Und doch kann sich Kranzinger nichts Schöneres vorstellen. Schon als kleiner Junge durfte er in der Landwirtschaft seiner Eltern mithelfen und ist so Schritt für Schritt in ein Leben mit den Christbäumen hineingewachsen. „Für mich ist die Arbeit in der Landwirtschaft wunderschön. Sie gibt mir Sinn, auch wenn mir an manchen Abenden jeder Knochen weh tut. Das Arbeiten in der Natur erdet und man wird äußerst dankbar für das, was man hat.“ Wertschätzung und Dankbarkeit bekommt er auch täglich von seinen Kund:innen zurück. Und das nicht nur am Christkindlmarkt, sondern auch in der Direktvermarktung seiner landwirtschaftlichen Lebensmittel wie Wiesenhühner oder Freilandputen. Während der Vorweihnachtszeit, die Vater und Sohn Kranzinger zum Großteil am Residenzplatz verbringen, kümmern sich Mutter und Lebensgefährtin Monika um den Hof in Straßwalchen. „Der Familienzusammenhalt ist unbezahlbar“, sind sich die Kranzingers einig. Wenn es mal eng wird, springen Kranzingers Schwester Andrea und deren Freund ein und unterstützen die familiäre „Stammmannschaft“.

Schockverliebt. Jetzt will ich es aber ganz genau wissen. Was bedeutet denn „mondgeschnitten“ nun wirklich? Dass man bei Vollmond in den Wald schleicht und Bäume fällt? Kranzinger lacht. „Nein. Mondgeschnittene Bäume werden in der Phase vor dem Vollmond geschnitten. So halten sie länger frisch und nadeln weniger.“ Während mir Stephan Kranzinger das alles erzählt, schlendern wir gemütlich auf und ab durch sein kleines Wäldchen zischen Dom, Heimatwerk und Mozartplatz. Bis ich ihn erblicke. Er vor mir steht. Groß, dunkel, stark. Ich bin schockverliebt. „Zwei Meter siebzig“, sagt Kranziger, „Passt toll in eine Altbauwohnung.“ „Oh ja, wir sind wie füreinander geschaffen“, denke ich mir und während ich still und zufrieden nicke, hängt ihm Stephan Kranzinger schon ein Schildchen um. Und darauf steht mein Name.