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Lifestyle | 04.07.2022

Eine neue Ära

Seit 1. Jänner 2022 ist Kristina Hammer neue Präsidentin der Salzburger Festspiele. Beim Kandidat:innen-Hearing zur Bewerbung als Präsident:in konnte die Deutsch-Schweizerin mit langjährigem Bezug zu Salzburg vollends überzeugen und hat sich insgesamt gegen 19 Frauen und 13 Männer durchgesetzt. Ihr Vertrag läuft auf fünf Jahre bis zum 31. Dezember 2026.

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(c) Peter Rigaud

Kristina Hammer ist die Nachfolgerin von Helga Rabl-Stadler, die ihr Amt als Festspielpräsidentin 27 Jahre lang ausgeübt hat. Die Wirtschaftsmanagerin, Markenspezialistin und Juristin war von 2010 bis zu ihrem Amtsantritt Eigentümerin und Geschäftsführerin von HammerSolutions, einer internationalen Beratungsfirma für Industrie und Wirtschaft. Davor war die 52-Jährige mehr als 15 Jahre lang in mehreren Ländern führend in Marketing und Kommunikation tätig. Wir haben die Festspielpräsidentin auf ein Gespräch getroffen und über ihre neue Aufgabe gesprochen.


Unser Salzburg: Frau Hammer, Sie sind seit 1. Jänner dieses Jahres als Salzburger Festspielpräsidentin tätig. Was bedeutet Ihnen diese neue Aufgabe?
Kristina Hammer: Für mich ist es die Erfüllung eines großen Wunschs, der mich immer schon begleitet hat: Musik und Wort – Oper, Theater, Konzert –, in Wahrheit aber jede Form von künstlerischem Ausdruck mitverantworten zu dürfen. Gemeinsam mit meinen Kolleg:innen im Direktorium ein Teil davon zu sein, etwas beitragen zu können – das ist der Traum, der hier für mich in Erfüllung geht. In einer kulturaffinen Familie aufgewachsen bin ich von Kindheit an unzählige Male – im In- und Ausland – in Opernhäusern, Konzertsälen und Theatern gesessen. Was mich dabei interessiert hat, war von Anfang an nicht allein die Auseinandersetzung mit den Werken, den Inszenierungen und den Leistungen der Künstler:innen auf der Bühne und im Orchestergraben. Was mich immer mindestens ebenso sehr fasziniert hat, war der Betrieb dahinter. Alles was es tatsächlich braucht, damit ein Haus beziehungsweise Festspiele funktionieren können. Die Vielzahl an Tätigkeiten, von denen jede:r Einzelne auf Können, Handwerk, Kunstfertigkeit und Inspiration basiert – und die erst im perfekt aufeinander abgestimmten Zusammenspiel ein künstlerisch hochklassiges Werk möglich machen.

Was macht für Sie die Marke Salzburger Festspiele aus?
Die Salzburger Festspiele sind so viel mehr als eine Marke. Ziel ist es, auf der enormen internationalen Strahlkraft der Salzburger Festspiele aufzubauen und diese mit Sorgfalt und Achtsamkeit auszubauen. Dabei darf man die bewegende Geschichte und die Gründungshistorie niemals außer Acht lassen. Die Salzburger Festspiele wurden vor 100 Jahren nach den entsetzlichen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs gegründet, um die Kraft des Geistes und die menschliche Kreativität als das Verbindende zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Religionen und ethnischer Zugehörigkeit in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Gedanke von Versöhnung, Humanität und Frieden ist Leitmotiv. Ebenso wie das stete Bestreben aller Mitarbeitenden der Festspiele das Beste aus Oper, Konzert und Theater auf die Bühnen der Spielstätten zu bringen. Die Salzburger Festspiele haben eine kulturelle Leuchtturmfunktion, denn was immer Salzburg tut, es hat Signalwirkung und dies nicht nur für die internationale Kulturszene, sondern auch im gesellschaftspolitischen Dialog. Wir sind ein Kompass in unsicheren Zeiten, und dieser Verantwortung sind wir uns im Direktorium durchaus bewusst.

Welchen Bezug haben Sie zu Salzburg? Was gefällt Ihnen an dieser Stadt besonders?
Salzburg ist für mich seit meiner Kindheit ein wichtiger Bezugsort. Ich war zunächst mit meiner Großmutter hier, dann mit meinen Eltern, später mit meinem Mann, dann mit unseren eigenen Kindern. Die Festspiele sind seit vielen Jahren ein Fixpunkt in meinem Kalender.
Aber jetzt erlebe ich die Stadt nochmals ganz anders.
Nun bin ich nicht mehr nur vorübergehende Besucherin und nehme all diese historischen Gassen der Altstadt, diese einmalige Architektur nicht mehr bloß als beeindruckende Kulisse, sondern als Teil meines täglichen Lebens wahr.
Jeden Tag, wenn ich morgens zu Fuß zum Festspielhaus gehe, entdecke ich neue Facetten und sauge diese Eindrücke mit immer noch wachsender Begeisterung auf. Das gibt mir Energie für den ganzen Tag.

Ihre Vorgängerin Helga Rabl-Stadler hat vieles bei den Salzburger Festspielen bewegt. Wie wollen Sie das weltberühmte Festival fortführen? Welche Herausforderungen sehen Sie? Was wollen Sie unbedingt ändern oder beibehalten?
Auf künstlerischer Ebene sind die Salzburger Festspiele kaum zu toppen: Schauspiel, Konzert und Oper – 174 Vorstellung in 17 Festspielstätten allein in diesem Sommer und das alles mit den besten Künstler:innen dieser Erde. Das ist einzigartig. Hugo von Hofmannsthal hat bei der Gründung seiner „musikalisch theatralischen Festspiele“ gemeint, er wolle damit „uralt Lebendiges aufs Neue lebendig machen“. Auf den Bühnen ist das zweifellos immer wieder auf unnachahmliche Weise gelungen.
Wie die meisten Kulturbetriebe haben auch wir bei der Digitalisierung in fast allen Bereichen Nachholbedarf. Wie kommunizieren wir künftig mit unseren Besucher:innen, über welche Kanäle möchten sie angesprochen und informiert werden, welche Medien nutzen sie und auf welche Weise und in welcher Tiefe bringen wir ihnen unsere Angebote nahe und vor allem, wie bleiben wir ihnen über das gesamte Jahr im Gedächtnis.
Das wird uns nicht zuletzt auch vor neue Aufgaben in der Vermittlung unserer Inhalte stellen. Wir werden nicht für immer davon ausgehen können, dass alle, die zu uns kommen, sich im Vorfeld intensiv mit den Komponist:innen, dem Libretto jeder Oper oder dem neuesten Regieansatz im modernen Theater auseinandergesetzt haben.
Dies auch, weil ich denke, dass wir eine größere Offenheit in Bezug auf die Menschen, die wir ansprechen wollen, entwickeln müssen. Für mich ist es unabdingbar, dass alle Menschen hier einfachen Zugang finden: Neue Besucher:innen ebenso wie jährliche begeisterte Wiederkehrer:innen, Junge wie Junggebliebene, Personen mit Handicaps ebenso wie Menschen, die von weit herkommen und mit den lokalen Besonderheiten hier noch nicht so vertraut sind. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich will zur Exklusivität, die dieses Festival immer auszeichnen wird, ein gutes Stück Inklusivität hinzufügen.


Auf was können sich die Besucher:innen bei den Salzburger Festspielen heuer freuen? Ihr persönliches Highlight?
Das Festspielprogramm verspricht in diesem Sommer einmal mehr ein grandioses Feuerwerk künstlerischer Darbietungen. Alle vier Opernneuinszenierungen – Giacomo Puccinis „Il trittico“, Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ und Carl Orffs „De temporum fine comoedia“ sowie Leoš Janáček „Káťa Kabanová“ – beziehen sich auf Dante Alighieris „Göttliche Komödie“. Puccinis „Il trittico“ glänzt mit einem Besetzungscoup: Alle drei weiblichen Hauptrollen wird Salzburg-Liebling Asmik Grigorian singen – unter der Regie von Christof Loy und der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst. Den Bartók/Orff-Doppelabend verantworten Romeo Castellucci und Teodor Currentzis. Und nach seinem Offenbach-Triumph von 2019 kehrt Barrie Kosky als Regisseur der „Káťa Kabanová“ nach Salzburg zurück.
Als Neueinstudierungen kommen Verdis „Aida“ in der Regie von Shirin Neshat und Mozarts „Die Zauberflöte“ von Lydia Steier zur Aufführung.
Das Schauspielprogramm startet auch 2022 mit dem „Jedermann“. Auch in diesem Sommer stehen wieder Lars Eidinger und Verena Altenberger als Jedermann und Buhlschaft auf der Bühne am Domplatz. Gleich zweimal wird 2022 die Perner-Insel bespielt: Den Auftakt macht „Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer. Ebenfalls auf der Perner-Insel ist Ewelina Marciniaks Interpretation von „Iphigenia“ zu sehen. Gespannt darf man auch auf eine Bearbeitung von Arthur Schnitzlers „Reigen“ in der Regie von Yana Ross sein. Dafür wurden zehn Autor:innen eingeladen, je eine Szene des Originals nach ihren Vorstellungen zu überschreiben. Eine weitere Uraufführung wird „Verrückt nach Trost“ von Thorsten Lensing.
Auch das Konzertprogramm 2022 liest sich wie das Who is Who der Klassik: Die Wiener Philharmoniker, die Berliner Philharmoniker, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Daniel Barenboim, Elīna Garanča und Lang Lang sind nur einige Highlights.

Was ist Ihr Lebensmotto?
Ich habe nicht das eine Lebensmotto. Ein weises Zitat, das mich gerade in meiner Zeit als Beraterin und Executive Coach begleitet hat, ist von Seneca: „Wenn man nicht weiß, welchen Hafen man ansteuert, ist kein Wind günstig.“