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Lifestyle | 18.10.2018

Und plötzlich ist alles anders

Claudia Braunstein führte jahrelang ein relativ erfülltes Leben – bis eines Tages die Diagnose Zungenkrebs alles veränderte. Wir haben uns mit der lebensfrohen Salzburgerin getroffen und darüber gesprochen, wie sie ihre Krebserkrankung erlebt hat, was ihr in dieser Zeit Kraft gegeben hat und wie sie heute Betroffenen neuen Mut geben möchte.

Die im Jahr 1962 geborene Salzburgerin Claudia Braunstein hat ein bewegtes Leben. Sie ist verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Kindern und war jahrelang selbstständig in einem Modeunternehmen tätig. Alles schien perfekt – die Firma lief gut, sie unternahm zusammen mit ihrem Mann viele Reisen um die Welt und hatte einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Nach und nach verschlechterte sich ihre berufliche Situation, ihre Firma machte Verluste und durch finanzielle Engpässe steckte sie ihr privates Vermögen und Rücklagen in die Firma, bis sie schließlich in Konkurs gehen musste. Nach dem Verlust von Firma und Haus wartete noch ein weiterer Schicksalsschlag auf sie: die Diagnose „Plattenepithelkarzinom am Zungenrand und Mundboden“. Eine Zeit voller Ungewissheit und Therapien sowie viele Krankenhausaufenthalte standen bevor. Heute ist sie krebsfrei, begleitet und unterstützt Menschen in ähnlichen Situationen und hat mittlerweile zwei Blogs auf die Beine gestellt, mit denen sie Mut machen und ihre Erfahrungen weitergeben möchte.

look! Salzburg: Frau Claudia Braunstein, Zungenkrebs ist ein relativ seltener, bösartiger Tumor, wobei laut Statistik Männer doppelt so häufig betroffen sind wie Frauen. Welche ersten Symptome haben sich bei Ihnen bemerkbar gemacht?
Claudia Braunstein: Die Erkrankung liegt nun sieben Jahre zurück. Ich erinnere mich, es war im Frühjahr 2011 – nachdem ich mit meiner Firma in Konkurs gegangen war und dadurch bereits eine schwere Zeit durchlebt hatte. Ich habe mir einen Termin beim Zahnarzt ausmachen wollen, da mir zwei Zahnfüllungen rausgefallen waren. Durch die scharfen Zahnkanten biss ich mir gelegentlich auf den hinteren Zungenbereich, sie verursachten runde weiße Stellen am Zungenrand. Aus verschiedenen Gründen verschob sich der Termin jedoch immer wieder. Wenige Monate später brauchte ich jedoch dringend einen Zahnarzt, da mir eine Fischgräte in die kleine weißliche Wunde am Zungenrand gerutscht war. Ich hatte dadurch furchtbare Schmerzen und man konnte mir schließlich noch am selben Tag einen Zahnarzttermin geben. Ich ging nichtsahnend davon aus, dass mir der Arzt die fehlenden Füllungen wieder einsetzen würde und somit auch die Wunden wieder verheilen würden, die – so dachte ich – durch die scharfen Zahnkanten verursacht worden waren. Als sich der Zahnarzt meine wunde Stelle in der Mundhöhle ansah, sagte er sofort: „Frau Braunstein, das sieht nicht gut aus.“

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie die Diagnose Zungenkrebs erhalten haben?
Der Zahnarzt hat mich noch am selben Tag in die Mund-Kiefer-Chirurgie zur Abklärung geschickt. Ich dachte zum damaligen Zeitpunkt nicht einen Moment daran, dass ich Krebs haben könnte. Mir waren die gängigsten Krebsarten bekannt – Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Lungenkrebs –, alles war mir ein Begriff. Aber Zungenkrebs war außerhalb meines Vorstellungsvermögens – bis ich schließlich nach einer Woche die unglaubliche Diagnose erhielt. Ich war jedoch sehr gefasst und wurde zudem von den Ärzten, die mich behandelten, wirklich gut informiert. Bei der 17-stündigen Operation wurde ein Viertel der Zunge im hinteren Bereich entfernt und durch ein Implantat samt Vene aus dem Unterarm ersetzt. Weiters wurde der ganze Hals geöffnet, damit 21 Lymphknoten entfernt werden konnten. Ich habe in dieser Zeit stark abgenommen und wog nur mehr 45 Kilo. Ich konnte ein halbes Jahr nicht mehr sprechen, was für mich sehr schlimm war, da ich ein sehr mitteilungsbedürftiger Mensch bin. In dieser Zeit wurde bei mir auch noch Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert, ich musste erneut operiert werden. Dem nicht genug, habe ich mir einen MRSA-Keim eingefangen. Einen ziemlich aggressiven Krankenhauskeim. Ich hatte in all dieser Zeit jedoch nie Angst, dass ich sterben könnte, und blickte trotz allem positiv in die Zukunft.

Was hat Ihnen in dieser Zeit Kraft gegeben?
Zum Zeitpunkt der Diagnose Zungenkrebs bis zu meiner Genesung ist ein Jahr vergangen. Ich bin jetzt krebsfrei und in meinem Leben hat sich einiges verändert. Viele „Freunde“ haben sich ab dem Zeitpunkt meiner Diagnose abgewandt. Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollen. Meine größte Stütze war meine Familie, vor allem mein Mann, meine Kinder sowie meine Mutter und meine Schwester. Es ist wichtig, in einer schweren Zeit jemanden zu haben, der einen den Rücken stärkt. Ich habe auch damit angefangen, über mein Leben nachzudenken. Was mir wichtig war und was ich noch unbedingt erleben möchte. In der Zeit vor meiner Krebsdiagnose konnte ich mir materiell einiges leisten, habe viel von der Welt gesehen. Was ich mir jedoch nicht mit Geld erfüllen konnte, war, die Hochzeit eines meiner Kinder zu erleben oder das erste Enkelkind im Arm zu halten. Das zu erleben, war mein größter und sehnlichster Wunsch. Mittlerweile bin ich sogar zweifache Oma!

Wie hat sich Ihr Leben nach der Krebserkrankung verändert?
Es ist so, dass ich durch die Entfernung eines Teils der Zunge Sprechprobleme habe und eben auch Schwierigkeiten beim Kauen und Schlucken. Das hat zur Folge, dass ich beim Essen eingeschränkt bin, was für mich am Anfang sehr hart war. Ich war immer schon ein Genussmensch, liebte Pasta, Reis, rohes Gemüse, Fleisch und andere Gerichte. Ich habe aber mit der Zeit gelernt, selbst Rezepte zu erstellen und zu kochen, die ich gut essen kann, gesund sind, und vor allem helfe ich damit auch anderen Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – ebenfalls Schluckprobleme haben. Ich bin seit meiner Erkrankung in Berufsunfähigkeitspension, habe aber für mich eine vollkommen neue Alltagsstruktur geschaffen. Meine Rezepte habe ich auf meinem Blog „Geschmeidige Köstlichkeiten“ veröffentlicht und habe sogar einige Preise damit gewonnen, darunter den Jurypreis beim Food Blog Award. Mein lang ersehnter Traum hat sich heuer ebenfalls erfüllt und ich habe mein Kochbuch „Es schmeckt wieder“ veröffentlicht. Ein Jahr nach meiner Erkrankung habe ich eine Selbsthilfegruppe für Mundhöhlenkrebspatienten ins Leben gerufen und auch eine Ausbildung als Psychoonkologin absolviert, um im Rahmen der Betroffenenbegleitungen professionell agieren zu können. Es ist mir bis heute sehr wichtig, mit meiner Erfahrung Betroffenen zu helfen. Auch über meine beiden Blogs („Geschmeidige Köstlichkeiten“ und „Claudiaontour“) bin ich mit vielen Menschen, die Ähnliches wie ich erleben, verbunden.

Wie reagieren Menschen auf Sie, die von Ihrer Erkrankung nichts wissen?
Vor allem am Anfang passierte es mir häufig, dass Menschen meine sprachliche Behinderung mit einer geistigen Behinderung assoziierten. Manche begannen mit mir, langsam und auf Hochdeutsch zu sprechen, oder verwendeten einen eingeschränkten Wortschatz. Mittlerweile ist es so, dass ich ganz offen damit umgehe und je nach Situation am Beginn eines Gesprächs erkläre, was die Ursache meiner Behinderung ist. Ich rate Menschen dazu, offen mit ihrer Krankheit umzugehen, das erleichtert vieles.

Was ist Ihr persönliches Lebens­motto?
Ich bin dankbar über die Kleinigkeiten des Lebens. Ich fotografiere total gerne, gehe oft spazieren und nehme dabei meine Kamera mit. Ich mache viele Fotos und erfreue mich an der Natur. Ich finde es im Leben auch wichtig, dass man positiv ist, sich von negativen Dingen und Menschen nicht runterziehen lässt. Wer ständig nur jammert, wird kaum glücklich sein. Man kann auch in den ausweglosesten Situationen noch etwas Gutes finden.