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People | 05.05.2021

Vierfachmama & Vollblutbäuerin

Eine ganz besondere Muttertagsgeschichte mit drei Walnussbäumen als Liebesboten und ein Urlaub der Schwiegereltern als Schlüsselerlebnis für ein Leben am Bauernhof.

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(c) Thomas Kirchmaier

Die Turmuhr der Kirchenglocke in Anif, gleich gegenüber dem Kastnerhof, schlägt Punkt fünf Uhr früh. Zeit zum Füttern. Nein, noch sind nicht die Viecher dran. Zuerst bekommt Nicoles Immunsystem Nahrung. Nach 40 Minuten auf dem Hometrainer startet die bildhübsche Jungbäuerin in den Tag mit einem Familienfrühstück, bevor der vierfache Nachwuchs zum Lernen entschwindet. Vormittags verbringt Nicole zwei Stunden am Computer: „In meiner Funktion als Botschafterin der Landwirtschaft und Seminarbäuerin muss ich E-Mails beantworten, Social-Media-Kanäle befüllen, die Webseite gestalten, bei Online-Meetings teilnehmen, Vorträge, Workshops, Seminare und Schule am Hof organisieren und mich um das Sponsoring kümmern. Mir geht es darum, Landwirtschaft zu kommunizieren, das heißt, die Gesellschaft an unserem Leben, an unserer Arbeit teilhaben zu lassen.“ Nicole ist gerade ganz in ihrem Element, als ein älterer Herr ums Eck biegt. Er braucht Hilfe beim Bezahlen im Selbstbedienungs-Hofladen, den Nicole neben all ihren unzähligen Aufgaben als liebevolle Vierfachmama und leidenschaftliche Eierbäuerin mit viel Herzblut schupft. Um zwölf Uhr mittags sitzen dann bei den Leitners alle pünktlich am Tisch: Das Familienleben mit dem gemeinsamen Essen ist ihr ganz wichtig, wo jeder Zeit zum Erzählen hat. Nicht nur, wenn es ums gemeinsame Essen geht, sei sie konsequent, auch die täglichen Abläufe sind perfekt getaktet, sagt Nicole, wissend um die Sinnhaftigkeit von Struktur: „Schon als die Kinder noch ganz klein waren, habe ich den Tag durchgestaltet, von den Mahlzeiten, über die Mittagsruhe bis zum Schlafengehen am Abend.“ Apropos, so manche Mahlzeit wird nicht nur der Familie, sondern allen serviert: Mit ihrem Rezeptblog auf ihrer Homepage kredenzt die taffe Bäuerin originelle Gerichte.

Sähmaschine statt Spielplatz. Dass sie noch nie mit ihren Kindern auf einem Spielplatz war, dafür aber alle vier tagtäglich mit in den Stall kommen, bereut sie nicht: „Ich sehe, wie das bei den Kindern fruchtet. Simon ist acht und Lukas ist fünf. Beide mögen das Sähen. Den Jüngeren interessiert das Tun, der Ältere will wissen, wie die Sähmaschine funktioniert. Unsere Theresa ist 14 und liebt die Tiere und kümmert sich um ihr Wohl. Marie ist 16 und hilft mir in der Küche. Heute Vormittag hat sie den Eierlikör gemacht“, erzählt Nicole, als Marie von ersten Stock herunterruft, ob sie Mamas schickes Kleid anziehen darf. „Wir tauschen immer wieder die Kleidung, nur jetzt gerade gefällt mir die Mode der Jungen gar nicht“, lacht die Anifer Bäuerin. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, den Kindern auch ihren Freiraum zu lassen, damit sie ihren eigenen Weg finden.

Die Wurzeln einer Liebesgeschichte.
Die gebürtige Pongauerin hatte ursprünglich mit der Bauernschaft gar nichts zu tun. Doch wenn Amor zwei zusammenbringen will, geschieht Unfassbares. So kam es, dass Nicoles Papa unter allen Umständen von Altenmarkt nach Anif ziehen wollte, als sie zehn war – wegen der drei Walnussbäume, die dort in einem Garten stolz in den Himmel ragen. „Die Bäume hatten es ihm angetan und er wollte unbedingt in ihrer Nähe leben“, erinnert sich Nicole. So unglaublich diese Geschichte auch klingen mag: Die Familie zog tatsächlich nach Anif. Und dort lernte Nicoles Vater ihren Liebsten viele Jahre früher kennen als sie selbst: Als Hauptschuldirektor und Lehrer unterrichtete Nicoles Papa ihren jetzigen Mann Bernhard. Sie traf ihn erst viele Jahre später, als sie 17 war: „Ich war damals Schülerin und bin dann Kindergärtnerin geworden. Er hat aber immer gesagt, er brauche eine Bäuerin. Doch ich hatte mein eigenes Geld, mein Auto und war unabhängig. Das hat es mir nicht leicht gemacht. Mein Kopf hat immer gegen das Herz geredet“, gesteht sie. Doch Amor ließ nicht mehr locker: „Als meine Schwiegereltern einmal auf Urlaub waren, bin ich am Hof eingesprungen. Da hab ich gemerkt, wie schön das gemeinsame Schaffen ist. Ich war in der Natur, bin mit dem Traktor gefahren, hab die Kühe gemolken und war stolz auf meinen Blasen auf den Fingern“, lacht sie. Doch es sollte eine Hochzeit und dreimal Kinderkriegen dauern, bis es ernst wurde mit dem Bäuerinsein. Doch letztendlich hat Nicole ihren Job an den Nagel gehängt und die Heugabel in die Hand genommen. Diese Entscheidung hat sie nie bereut und wünscht sich zum Muttertag vor allem eines: dass alles so bleibt, wie es ist. Übrigens, eines darf nicht unerwähnt bleiben: Die drei Walnussbäume stehen auf dem Grund vom Kastnerhof.

Bild Muttertag-0793.jpg
(c) Thomas Kirchmaier